"Theresienstadt": Zeugnis des Vernichtungswillen der deutschen Faschisten

Im November 1941 war es, als die ersten Juden im Böhmischen Terezin ankamen, die "Sudetenkaserne" bezogen, um die einstige Garnisonsstadt zum Ghetto für die noch kommenden "Bewohner" umzuwandeln. Jenen Juden wurde von den deutschen Faschisten vorgegaukelt, sie bekämen eine neue Heimstatt für ein sorgloses Leben mit allen Annehmlichkeiten. Privilegierte Juden sollten sie sein.
IMG_20170915_124401
Noch heute scheint es so, als hätte diese Kleinstadt die Schrecken des Ghettos nicht überwinden können, als würde sich niemand trauen, die Spuren der grauenvollen Vergangenheit zu verwischen. Trist sind die Fassaden. Unbewohnt sind viele Häuser, in denen nach der Befreiung vom Faschismus sich wahrscheinlich niemand wieder heimisch fühlen konnte. Abergläubige würden einen Fluch über der Stadt vermuten, von dem sie sich niemals wieder befreien kann.

Der Umweg nach Auschwitz

Zwischen dem 24. November 1941 und dem 20. April 1945 wurden nach "Thersienstadt" rund 140 000 Menschen deportiert. In dieser Zahl sind nicht jene 1260 Kinder aus Bialystok enthalten. Dieser Transport polnischer Kinder hielt sich zwischen dem 24. August und dem 5. Oktober 1943 in Theresienstadt auf. Alle wurden nach Auschwitz gebracht und dort ins Gas geschickt. Allein in Theresienstadt starben bis zum 20. April 1945 rund 40 000 Menschen. Dass das Ghetto für viele nur ein vorübergehender Aufenthaltsort war, beweisen die circa 87 000 Bewohner, die während der Ghetto-Zeit in Richtung Osten zu den bekannten Vernichtungslagern deportiert wurden und dort umkamen. Von den ursprünglichen Häftlingen lebten zur Befreiung gerade noch circa 17 000. 
Die "Häftlinge" im Ghetto lebten, so ist es in einer bemerkenswerten Ausstellung im "Ghetto-Museum" dokumentiert, unter unmenschlichen Bedingungen. Alle ehemaligen Kasernen, alle Wohnhäuser waren belegt - von den Dachböden bis zu den Kellern. Dabei waren Männer und Frauen getrennt untergebracht. Die Juden durften sich nicht auf den Gehwegen aufhalten, an eine Mindest-Ernährung war nicht zu denken. Wertgegenstände, Fotoapparate, Schmuck und dergleichen durfte niemand besitzen. Bei kleinsten Verstößen gegen die Ghetto-Ordnung  kamen viele in die "Kleine Festung", eine Wallanlage aus der K&K-Monarchie, die einst vor den preußischen Truppen schützen sollte, jedoch niemals von einem preußischen Soldaten betreten wurde. Die  Faschisten bauten diese Anlage zur Folterhölle aus.
Und dennoch zeugen vom Lebenswillen der Inhaftierten zahlreiche künstlerische Werke, die erhalten geblieben sind. Anfangs war die künstlerische Betätigung noch strengstens verboten. Aber bereits schon 1942 gestatteten die Faschisten, zwar unter Zensur, musikalische, literarische und bildkünstlerische Aktivitäten. Dies geschah keinesfalls aus Menschenliebe heraus, wussten doch die Bewacher, was die Ghettobewohner erwartet - irgend wann den Transport nach Auschwitz. Es diente aber auch der zynischen Propaganda, Theresienstadt sei ein vorbildliches Ghetto, in dem es sich gut leben ließe und die Juden dort den Krieg schadlos überstehen könnten.
IMG_20170915_120241
Die perfide Täuschung

Der Druck des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) war sehr groß. Deshalb kam es im Ghetto auf Anweisung des Reichs-Sicherheits-Hauptamtes zu Verschönerungsarbeiten. Die SS wollte der Welt glaubend machen, dass es den Juden wirklich an nichts mangele. Die Straßen erhielten Namen, die vorher nur mit "L" für Längs oder "Q" für Quer benannt wurden. sogar ein Cafè entstand. Auch legte man Wert auf die sogenannte "Jüdische Selbstverwaltung", die zwar nie etwas zu sagen hatte aber als Aushängeschild galt. Die Gründung einer Bank zur Auszahlung von wertlosem Ghetto-Geld zählt nur zu den weiteren Höhepunkten faschistischer Propaganda. Als der Druck des IKRK zu groß wurde, entschloss sich die Lagerleitung  auf Anregung  des in Prag ansässigen "Zentralamtes zur Regelung der Judenfragen in Böhmen und Mähren" einen Dokumentarfilm über das Ghetto zu drehen. Beauftragt wurde das Prager Filmunternehmen "Aktualia". Aus Unterlagen ist bekannt, dass die Kosten für den Propagandafilm rund 350 000 Kronen (35.000 Reichsmark) betrugen. Verpflichtet wurden die Insassen des Ghettos zur Mitarbeit. Kurt Gerron, Kabarettist und Schauspieler aus Westerborg,  übernahm sicher nicht freiwillig die Funktion des jüdischen Produktionsleiters, des Drehbuchautors, des Leiters der Filmabteilung und des Organisator s aller zum Drehen notwendigen Arbeiten.

So entstand ein Film über ein Lager, das es in dieser Form gar nicht gab. IMG_20170915_120014Fröhliche Menschen wurden gezeigt, die das Kaffeehaus besuchten, fleißige Juden, die Gartenanbau in den Gräben der "Kleinen Festung" betrieben und auch Theateraufführungen fehlten nicht. Lange Zeit wurde dem "Dokumentarfilm" der Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" zugeschrieben. Neueste Quellen belegen allerdings, dass dies nicht korrekt ist. In den noch erhaltenen Aufzeichnungen von Gerron kommt dieser Titel ebenfalls nicht vor. Historiker nehmen als gesicherten Titel an: "Theresienstadt - Dokumentarfilm aus einem jüdischen Siedlungsgebiet". 

Mitwisser mussten sterben

Kurt Gerron konnte "seinen" Film jedoch nicht bis zum Ende betreuen. Er und fast alle anderen Mitwirkenden am Film wurden am 28. Oktober, lange vor der Vollendung des Films, nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Die SS wollte keine Zeugen über ihren Zynismus. Vollendet hat das Machwerk der Kameramann Ivan Fric, ein Angestellter der Aktualita. Er folgte dann auch nicht den Vorbereitungen von Kurt Gerron sondern nahm sich die Anweisungen der SS an. Dass der Film nicht mehr die Verbreitung im Ausland (für Deutschland war er nicht vorgesehen) fand, lag wohl am Fortschreiten des Untergangs der Faschisten. Es blieb nicht viel Zeit, bis auch Theresienstadt befreit wurde. Ohnehin waren die Ausmaße der faschistischen Barbarei durch die Befreiung von Auschwitz  in der Weltöffentlichkeit bekannt geworden. Ob sich die Anfang 1945 eingetroffene Delegation de IKRK blenden ließ, ist nur widersprüchlich überliefert. Auf jeden Fall nahm sie eine Reihe dänischer Juden aus dem Ghetto mit in die Freiheit.

 (Quelle: http://www.ghetto-theresienstadt.de).

nachpoliert